KAPITEL 1:
DIE
EINLADUNG
"Hey, Randy." Fröhlich grinsend betrat Major Peter Hoffmann das Büro seines Partners und Freundes Commander Randy Perkins. "Du errätst nie, was Cindy mir gerade erzählt hat."
Der Commander hob den Blick vom Bildschirm, musterte seinen Freund kurz und erwiderte das Grinsen. "So wie Du aussiehst, hat sie es wohl endlich geschafft, den Robotköchen die richtige Programmierung für ein Steak einzugeben."
Hoffmann lachte leise und winkte ab. "Nichts so banales."
"Banal?" Überrascht hob Perkins die Brauen. "Seit wann sind Steaks für Dich banal?"
"Verdammt, Randy, nun vergiß doch mal die dämlichen Steaks." Der Major setzte sich auf eine Ecke von Perkins' Schreibtisch und wedelte bedeutungsvoll mit einer Folie vor dessen Nase. "Du erinnerst Dich doch noch an Arentes?"
"Natürlich." Perkins lehnte sich zurück und wurde übergangslos ernst. "Ohne ihn und seine Hilfe hätte die Menschheit unser Eindringen auf der Verbotenen Welt nicht überlebt."
"Ja, genau. Und Du weißt auch noch, daß Professor Common damals ihn alleine besucht hat, ohne Genehmigung, und die beiden ein längeres Gespräch hatten?"
Der Commander nickte stumm und musterte seinen Freund aufmerksam.
"Nun..." Hoffmann beugte sich vor und seine blauben Augen blitzten. "Was auch immer die beiden beredet haben, es hat gewirkt."
"Gewirkt? Wie meinst Du das?"
"Hier. Das ist eine offizielle Einladung der Copaner für eine diplomatische Delegation von der Erde."
"Was?" Ruckartig richtete Perkins sich auf.
"Ja." Peter Hoffmann reichte das Schreiben über den Tisch. "Lies das."
Rasch überflog Perkins die wenigen Sätze, die Hoffmanns Worte bestätigten. Eine formelle Einladung zu diplomatischen Gesprächen war von den Copanern beim Vereinten Rat der Erde eingegangen. Einzige Bedingung war die ausdrückliche Bitte der Copaner, daß er selbst und Major Hoffmann mitkamen und bereit sein sollten, sich in einer öffentlichen Übertragung in das gesamte copanische Reich für ihr Eindringen in das höchste, religiöse Heiligtum zu entschuldigen. Anschließend würden sie Gelegenheit haben, zu erklären, wie das geschehen konnte und danach sollten die eigentlichen Gespräche beginnnen.
"Was hast Du denn?" Verblüfft sah Hoffmann, wie sich das Gesicht des Commanders beim Lesen immer mehr verschloß. "Randy? Das haben wir doch von Anfang an gewollt. Diplomatische Beziehungen zu den Völkern der Milchstraße. Und wenn wir erst einmal die Copaner auf unserer Seite haben, dann können wir uns auch mit den anderen verbünden."
"Und das glaubst Du?" fragte der Commander ganz ruhig.
"™hh... Du nicht?"
"Nein, absolut nicht. Überleg doch mal. Arentes selbst hat uns sehr eindringlich gewarnt, uns vorerst von seinem Volk in jeder Beziehung fernzuhalten, weil sie äußerst nachtragend sind und eine Entweihung ihres heiligsten Ortes die schwerste Beleidigung ist, die sich ein Copaner auch nur vorstellen kann." Perkins schüttelte den Kopf und reichte seinem Freund die Folie zurück. "Für mich riecht das zu sehr nach einer Falle, Peter. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß Arentes es in diesen acht Monaten geschafft haben soll, sein Volk zum Einlenken, zum Verzeihen zu bewegen. Sie waren so aufgebracht, daß sie die Erde mit einem Schwarzen Loch vernichten wollten. Sie waren bereit, die gesamte Menschheit auszurotten, für etwas, das ein paar wenige Menschen verbrochen hatten. Und jetzt sollen sie uns freundlich empfangen wollen? Und nichts weiter als eine öffentliche Entschuldigung und Erklärung verlangen? Nein, das glaube ich ganz gewiß nicht."
"Na ja." Nachdenklich kratzte Hoffmann sich am Ohr. "Arentes hatte uns seine Hilfe zugesichert und in acht Monaten kann viel passieren, Randy. Der Rat hat sich die Einladung bestätigen lassen und diese Bestätigung ist gestern Abend eingegangen. Professor Common wurde bereits angewiesen, die Berechnungen für den Dimensionsbrecher und den Transport vorzunehmen."
"So schnell?"
"Ja. Der Rat will, daß wir starten, wenn alles bereit ist. Wahrscheinlich schon morgen, sobald die Botschafter hier auf dem Mond eingetroffen sind und die letzte Lagebesprechung stattgefunden hat. Das war es, was Cindy mir eben erzählt hat. Unsere Einsatzbefehle sind bestimmt schon unterwegs."
Randy Perkins preßte die Lippen zusammen, wandte sich wortlos um und tippte eine Reihe von Zahlen in das Kommunikationsterminal.
"Wen rufst Du an? Willst Du..." Hoffmann verstummte, als er das vertraute Emblem des Hauptquartiers der Vereinigten Streitkräfte auf dem Monitor erkannte.
Das Gesicht eines jungen Offiziers erschien schon wenige Sekunden später.
"HQ hier, Randolphs spricht."
"Guten Tag, Lieutenant. Hier ist die Mondstation Delta-4, Commander Perkins. Verbinden Sie mich mit General Crinian."
"Tut mir leid, Sir, der General ist zur Zeit in einer Besprechung und will nicht gestört werden," antwortete der Lieutenant und es klang, als hätte er diese Erklärung schon mehrfach abgegeben. Doch so leicht gab Perkins nicht auf. "Er wird sich schon stören lassen, wenn er hört, wer ihn sprechen will. Also sagen Sie ihm Bescheid."
"Äh, tut mir leid, Sir, aber der General hat ausdrücklich angewiesen, niemanden durchzustellen."
Der Commander kniff leicht die Augen zusammen und seine bisher ruhige Stimme wurde um einige Nuancen schärfer. "Richten Sie ihm jetzt sofort aus, daß Commander Perkins ihn sprechen will. Das ist ein Befehl, Lieutenant!"
Der junge Mann schluckte nervös und nickte dann. "Äh, ja, Sir. Warten Sie bitte."
Als das Pausenzeichen erschien, beugte Major Hoffmann sich zum Commander vor. "Sag mal, Randy, hältst Du es wirklich für klug, den General zu stören?" Er hob er die Folie an. "Der Wisch hier ist von Crinian mit unterzeichnet worden, falls Du es übersehen haben solltest."
"Das habe ich keineswegs, Peter. Aber ich will wissen, was der General über die Sache denkt. Außerdem dürfte sich diese so wichtige Besprechung wohl um genau das Thema drehen. Und dann will ich wissen, warum wir beide nicht dabei sind, oder wenigstens informiert wurden. Immerhin sind wir es, die ihr Leben riskieren sollen."
"Unser Leben riskieren?" Hoffmann wurde blass. "Du glaubst, die Copaner wollen uns umbringen?"
Der Commander erwiderte den Blick hart. "Allerdings, Peter. Das haben sie doch auf Palenka schon versucht, wenn Du Dich noch erinnerst. Nur der grandiose Einsatz von Professor Common mit dem Dimensionsbrecher hat uns davor bewahrt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden."
Unbehaglich strich Hoffmann sich über den Mund. "Aber sie hätten dann doch viel leichter jemanden hierher schicken können, anstatt diese Falle mit der diplomatischen Einladung aufzubauen. Das wäre doch viel einfacher für sie und auch weniger auffällig."
"Einen Attentäter schicken?" Perkins schüttelte den Kopf. "Nein, Peter, sie wollen uns zwar für unsere Gotteslästerung strafen, aber sie wollen auch das Wissen um den Dimensionsbrecher. Das aber könnten sie nicht mehr, wenn sie einen Mörder geschickt hätten, denn dann würde die Erde nicht auf diplomatische Verhandlungen eingehen. Unser Tod muß wie ein bedauerlicher Unfall aussehen, damit sie ihr anderes Ziel in Ruhe weiterverfolgen können."
"Ganz genau der Meinung bin ich auch, Commander," erklang plötzlich der dröhnende Baß des General und sein breites, gerötetes Gesicht blickte sie vom Videophon her an, als sie sich beide umdrehten. "Und deshalb versuchen wir gerade eine Lösung zu finden, die beiden Seiten gerecht wird."
"Beiden Seiten? Wie wollen Sie das anstellen, General?"
Crinian grinste. "Keine Sorge, Commander, wir haben keineswegs vor, Sie als Opfer anzubieten. Auch nicht für den Preis diplomatischer Beziehungen. Schließlich haben wir viel Geld in Ihre Ausbildung investiert, meine Herren."
"Vielen Dank," antwortete Perkins trocken.
Der General nickte und wurde wieder ernst. "Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie in Ihrem Bericht erwähnt, daß Arentes Ihnen erzählt hat, daß nicht mehr alle Copaner so tiefreligiös sind."
Da der Commander sicher war, daß Crinian seinen damaligen Bericht aufgrund der Situation noch einmal gründlich studiert hatte, nickte er stumm.
"Nun, wir wissen, daß die Einladung vom copanischen Oberkommando kommt, das wurde bestätigt. Weiter gehen wir davon aus, daß dieses Oberkommando weitreichendere Zukunftspläne hat, als die Tötung von zwei fremden Offizieren wegen einer Gotteslästerung. Wie Sie richtig erkannt haben, Perkins, wollen die Copaner die Technik unseres Dimensionsbrechers. Das bedeutet aber, daß sie erst einmal mit uns in Kontakt kommen müssen und zwar für längere Zeit, bevor wir ihnen auch nur den kleinsten Informationsbrocken hinwerfen."
"Sicher," warf Hoffmann ein, "aber wie Randy schon bemerkte, wenn man unseren Tod wie einen bedauerlichen Unfall aussehen läßt, würden die diplomatischen Verhandlungen lediglich verzögert, aber nicht verhindert."
"Richtig. Dieser Gedanke ist mir tatsächlich auch schon gekommen, Major." Der General mochte es nicht, unterbrochen zu werden und sein kühler Tonfall machte dies deutlich.
Perkins warf seinem Freund einen warnenden Blick zu, doch Peter Hoffmann hatte auch so schon verstanden und preßte die Lippen zusammen.
Crinian wandte sich wieder dem Commander zu. "Wir diskutieren die Möglichkeit, daß Sie beide nicht mit der ersten diplomatischen Gruppe starten werden. Stattdessen bekommen unsere Botschafter eine entsprechende Aufzeichnung mit der erbetenen Stellungnahme von Ihnen beiden mit, die auf Copan gezeigt werden kann. Und erst wenn die Verhandlungen gut anlaufen und wir uns überzeugen konnten, daß Ihre Sicherheit gewährleistet ist, werden Sie die Entschuldigung in der copanischen ™ffentlichkeit wiederholen."
Perkins dachte einige Sekunden lang nach, bevor er antwortete. "Nun, General, Sie können sicher sein, daß ich keineswegs erpicht darauf bin, von religiösen Fanatikern gemeuchelt zu werden, doch ich bezweifle, ob die Verhandlungen überhaupt einen guten Start haben können, wenn wir gleich die erste Bitte der Copaner ignorieren."
Der General nickte. "Es kann sein, daß man unsere Diplomaten postwendend zurückschickt, wenn Sie beide nicht mit dabei sind."
"Richtig. Wie also sieht die Option aus?"
Mit einem ernsten Blick schüttelte der General den Kopf. "Keine Option, Commander. Die Copaner sind das mächtigste Volk in der Milchstraße und wenn wir uns gegenüber ihnen und allen anderen Völkern behaupten wollen, müssen wir gleich von Anfang an eine Position der Stärke beziehen. Wir müssen zeigen, daß wir zwar zu Verhandlungen und Kompromissen bereit sind, um Ziele wie Frieden und Freundschaft zu erreichen, doch wir müssen auch unmißverständlich klar machen, daß die Menschheit ein Faktor ist, mit dem man sich arrangieren muß. Wir werden nicht angekrochen kommen wie verarmte, ferne Verwandte, sondern sind nur dann zu Verhandlungen bereit, wenn diese auf einer gleichberechtigten Ebene ablaufen."
Zweifelnd runzelte Perkins die Stirn. "Gleichberechtigt?"
Der Vier-Sterne-General nickte. "Sind Sie anderer Meinung?"
"Nun, nicht unbedingt anderer Meinung, Sir. Ich teile Ihren Standpunkt, alles andere wäre fatal, aber ich sehe nicht, daß wir damit Erfolg haben könnten. Die Copaner sind uns in technischer und kultureller Entwicklung um mehrere tausend Jahre voraus. Hätten wir nicht den Dimensionsbrecher entwickelt, würden sie in uns nicht mehr als unreife Jugendliche sehen. Bildlich gesprochen."
"Dem stimme ich zu, aber Sie haben ebenso genau den Punkt getroffen, um den es geht. Nämlich den Dimensionsbrecher." Der General lehnte sich in seinem Stuhl zurück und drehte einen Schreibstift wie nebenbei zwischen den Fingern. "Sehen Sie, wir, das heißt ich und mein beratender Stab, sind der Meinung, daß weder die Copaner noch irgendein anderes Volk einfach so auf den Dimensionsbrecher verzichten wird. Selbst wenn die Copaner jetzt noch damit drohen, daß sie keine Verhandlungen mit uns aufnehmen, wenn wir ihren Forderungen nicht nachkommen, so ist das nicht mehr, als leeres Gerede. Daß sie jetzt Kontakt mit uns gesucht haben, ist Beweis genug."
Plötzlich verstand Perkins. "Natürlich," murmelte er. "Wie kurzsichtig von mir."
Crinian nickte. "Ja, ich glaube, Sie verstehen es, Commander. Und darum verstehen Sie sicher auch, daß ich wieder in die Besprechung zurück muß. Sie bleiben vorerst auf dem Mond, meine Herren. Wenn es neue Entwicklungen gibt, werden Sie das rechtzeitig erfahren."
Als der General abgeschaltet hatte, fuhr Major Hoffmann sich mit den Fingern einer Hand durch die Haare. "Kannst Du mir jetzt vielleicht mal verraten, was Du verstanden hast, Randy? Was meinst Du damit, Du warst kurzsichtig?"
Perkins stand auf, ging zur Tür und winkte seinem Freund. "Komm, Peter, ich erklär es Dir auf dem Weg."
"Wohin gehen wir denn?"
"Zum Professor."
"Aha. Und warum?"
"Weil ich mit ihm reden muß. Auch wenn er es vermutlich sowieso schon ahnt."
"Was ahnt? Verdammt, Randy, drück Dich doch endlich mal klar und deutlich aus."
"Es geht um den Dimensionsbrecher, Peter, um nichts anderes. Du weißt genau, wie sehr die Völker der Milchstraße dem Wissen um diese Technologie hinterher sind."
"Ja. Und?"
"Nun, und sie werden nicht darauf verzichten wollen. Also werden sie sich auch von solchen Kleinigkeiten wie diplomatischen Diskrepanzen nicht abhalten lassen. Dies ist nur der erste Schritt."
"Der erste Schritt?"
"Ja, genau. Wir sind auf dem Weg ins einundzwangzigste Jahrhundert, Peter, in unser galaktisches Erwachen. Die Menschheit ist nicht mehr isoliert, ganz im Gegenteil. Man weiß jetzt, daß es uns gibt und man wird uns nicht vergessen und schon gar nicht ignorieren."
"Weil wir den Dimensionsbrecher haben."
"Richtig. Diese Einladung der Copaner war nichts weiter als ein Eröffnungszug. Man hat uns einen Köder hingeworfen und will sehen, wie die Menschheit darauf reagiert."
"Wieso?"
"Wir werden abgeschätzt, Peter. Das war es, was der General meinte. Wenn wir jetzt darauf reagieren, indem wir ihre Bedingungen auf Punkt und Komma befolgen, wird das als Schwäche ausgelegt werden, als Unterwerfung."
Abrupt blieb Hoffmann stehen und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. "Verdammt, Randy, Du hast recht. Man würde uns dann behandeln, wie wir einen Jugendlichen behandeln, der über die Stränge schlägt, um in Deinem Bild zu bleiben. Uns Sanktionen aufgeben und erwarten, daß wir uns daran halten."
"Richtig, Peter. Selbstverständlich würden sie dann erwarten, daß wir den Dimensionsbrecher und Professor Common herausgeben. Und wenn wir erst einmal in so einer Position wären, würde es mehr als schwer werden, dieses Bild in ihren Köpfen zu revidieren. Deswegen hat Crinian recht. Wir müssen von Anfang an eine Position der Stärke und der Gleichberechtigung beziehen, sonst sind wir auf verlorenem Posten."
Mit Entsetzen in den blauen Augen sah Hoffmann seinen Freund an. "Dann ist diese Zeit jetzt nichts weiter, als die Ruhe vor dem Sturm."
Perkins nickte, legte dem Major die Hand auf die Schulter und zog ihn weiter. "Ja, so kann man es sehen. Unsere Antwort auf ihre Eröffnung wird die Richtung aufzeigen, in der unsere Zukunft liegt. Nur wenn wir lauter brüllen als der Löwe, wird man uns zuhören, anstatt über uns hinweg zu steigen. Wir haben den Dimensionsbrecher und wir haben damit und mit Schläue die Vernichtung Escapes durch das Schwarze Loch abgewendet. Man ist aufmerksam geworden und will jetzt sehen, wer und was wir sind und wie man mit uns umgehen soll."
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