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Im Tal der laufenden Bäume

Eine Erzählung von Claudia "Cindy" Schmidt

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HINWEIS: Diese Geschichte knüpft an den "Copaner-Zyklus" an. (Schneiderband Nr. 3 bis 6)

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KAPITEL 1:

DIE EINLADUNG


"Hey, Randy." Fröhlich grinsend betrat Major Peter Hoffmann das Büro seines Partners und Freundes Commander Randy Perkins. "Du errätst nie, was Cindy mir gerade erzählt hat."
Der Commander hob den Blick vom Bildschirm, musterte seinen Freund kurz und erwiderte das Grinsen. "So wie Du aussiehst, hat sie es wohl endlich geschafft, den Robotköchen die richtige Programmierung für ein Steak einzugeben."
Hoffmann lachte leise und winkte ab. "Nichts so banales."
"Banal?" Überrascht hob Perkins die Brauen. "Seit wann sind Steaks für Dich banal?"
"Verdammt, Randy, nun vergiß doch mal die dämlichen Steaks." Der Major setzte sich auf eine Ecke von Perkins' Schreibtisch und wedelte bedeutungsvoll mit einer Folie vor dessen Nase. "Du erinnerst Dich doch noch an Arentes?"
"Natürlich." Perkins lehnte sich zurück und wurde übergangslos ernst. "Ohne ihn und seine Hilfe hätte die Menschheit unser Eindringen auf der Verbotenen Welt nicht überlebt."
"Ja, genau. Und Du weißt auch noch, daß Professor Common damals ihn alleine besucht hat, ohne Genehmigung, und die beiden ein längeres Gespräch hatten?"
Der Commander nickte stumm und musterte seinen Freund aufmerksam.
"Nun..." Hoffmann beugte sich vor und seine blauben Augen blitzten. "Was auch immer die beiden beredet haben, es hat gewirkt."
"Gewirkt? Wie meinst Du das?"
"Hier. Das ist eine offizielle Einladung der Copaner für eine diplomatische Delegation von der Erde."
"Was?" Ruckartig richtete Perkins sich auf.
"Ja." Peter Hoffmann reichte das Schreiben über den Tisch. "Lies das."
Rasch überflog Perkins die wenigen Sätze, die Hoffmanns Worte bestätigten. Eine formelle Einladung zu diplomatischen Gesprächen war von den Copanern beim Vereinten Rat der Erde eingegangen. Einzige Bedingung war die ausdrückliche Bitte der Copaner, daß er selbst und Major Hoffmann mitkamen und bereit sein sollten, sich in einer öffentlichen Übertragung in das gesamte copanische Reich für ihr Eindringen in das höchste, religiöse Heiligtum zu entschuldigen. Anschließend würden sie Gelegenheit haben, zu erklären, wie das geschehen konnte und danach sollten die eigentlichen Gespräche beginnnen.
"Was hast Du denn?" Verblüfft sah Hoffmann, wie sich das Gesicht des Commanders beim Lesen immer mehr verschloß. "Randy? Das haben wir doch von Anfang an gewollt. Diplomatische Beziehungen zu den Völkern der Milchstraße. Und wenn wir erst einmal die Copaner auf unserer Seite haben, dann können wir uns auch mit den anderen verbünden."
"Und das glaubst Du?" fragte der Commander ganz ruhig.
"™hh... Du nicht?"
"Nein, absolut nicht. Überleg doch mal. Arentes selbst hat uns sehr eindringlich gewarnt, uns vorerst von seinem Volk in jeder Beziehung fernzuhalten, weil sie äußerst nachtragend sind und eine Entweihung ihres heiligsten Ortes die schwerste Beleidigung ist, die sich ein Copaner auch nur vorstellen kann." Perkins schüttelte den Kopf und reichte seinem Freund die Folie zurück. "Für mich riecht das zu sehr nach einer Falle, Peter. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß Arentes es in diesen acht Monaten geschafft haben soll, sein Volk zum Einlenken, zum Verzeihen zu bewegen. Sie waren so aufgebracht, daß sie die Erde mit einem Schwarzen Loch vernichten wollten. Sie waren bereit, die gesamte Menschheit auszurotten, für etwas, das ein paar wenige Menschen verbrochen hatten. Und jetzt sollen sie uns freundlich empfangen wollen? Und nichts weiter als eine öffentliche Entschuldigung und Erklärung verlangen? Nein, das glaube ich ganz gewiß nicht."
"Na ja." Nachdenklich kratzte Hoffmann sich am Ohr. "Arentes hatte uns seine Hilfe zugesichert und in acht Monaten kann viel passieren, Randy. Der Rat hat sich die Einladung bestätigen lassen und diese Bestätigung ist gestern Abend eingegangen. Professor Common wurde bereits angewiesen, die Berechnungen für den Dimensionsbrecher und den Transport vorzunehmen."
"So schnell?"
"Ja. Der Rat will, daß wir starten, wenn alles bereit ist. Wahrscheinlich schon morgen, sobald die Botschafter hier auf dem Mond eingetroffen sind und die letzte Lagebesprechung stattgefunden hat. Das war es, was Cindy mir eben erzählt hat. Unsere Einsatzbefehle sind bestimmt schon unterwegs."
Randy Perkins preßte die Lippen zusammen, wandte sich wortlos um und tippte eine Reihe von Zahlen in das Kommunikationsterminal.
"Wen rufst Du an? Willst Du..." Hoffmann verstummte, als er das vertraute Emblem des Hauptquartiers der Vereinigten Streitkräfte auf dem Monitor erkannte.
Das Gesicht eines jungen Offiziers erschien schon wenige Sekunden später.
"HQ hier, Randolphs spricht."
"Guten Tag, Lieutenant. Hier ist die Mondstation Delta-4, Commander Perkins. Verbinden Sie mich mit General Crinian."
"Tut mir leid, Sir, der General ist zur Zeit in einer Besprechung und will nicht gestört werden," antwortete der Lieutenant und es klang, als hätte er diese Erklärung schon mehrfach abgegeben. Doch so leicht gab Perkins nicht auf. "Er wird sich schon stören lassen, wenn er hört, wer ihn sprechen will. Also sagen Sie ihm Bescheid."
"Äh, tut mir leid, Sir, aber der General hat ausdrücklich angewiesen, niemanden durchzustellen."
Der Commander kniff leicht die Augen zusammen und seine bisher ruhige Stimme wurde um einige Nuancen schärfer. "Richten Sie ihm jetzt sofort aus, daß Commander Perkins ihn sprechen will. Das ist ein Befehl, Lieutenant!"
Der junge Mann schluckte nervös und nickte dann. "Äh, ja, Sir. Warten Sie bitte."
Als das Pausenzeichen erschien, beugte Major Hoffmann sich zum Commander vor. "Sag mal, Randy, hältst Du es wirklich für klug, den General zu stören?" Er hob er die Folie an. "Der Wisch hier ist von Crinian mit unterzeichnet worden, falls Du es übersehen haben solltest."
"Das habe ich keineswegs, Peter. Aber ich will wissen, was der General über die Sache denkt. Außerdem dürfte sich diese so wichtige Besprechung wohl um genau das Thema drehen. Und dann will ich wissen, warum wir beide nicht dabei sind, oder wenigstens informiert wurden. Immerhin sind wir es, die ihr Leben riskieren sollen."
"Unser Leben riskieren?" Hoffmann wurde blass. "Du glaubst, die Copaner wollen uns umbringen?" Der Commander erwiderte den Blick hart. "Allerdings, Peter. Das haben sie doch auf Palenka schon versucht, wenn Du Dich noch erinnerst. Nur der grandiose Einsatz von Professor Common mit dem Dimensionsbrecher hat uns davor bewahrt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden."
Unbehaglich strich Hoffmann sich über den Mund. "Aber sie hätten dann doch viel leichter jemanden hierher schicken können, anstatt diese Falle mit der diplomatischen Einladung aufzubauen. Das wäre doch viel einfacher für sie und auch weniger auffällig."
"Einen Attentäter schicken?" Perkins schüttelte den Kopf. "Nein, Peter, sie wollen uns zwar für unsere Gotteslästerung strafen, aber sie wollen auch das Wissen um den Dimensionsbrecher. Das aber könnten sie nicht mehr, wenn sie einen Mörder geschickt hätten, denn dann würde die Erde nicht auf diplomatische Verhandlungen eingehen. Unser Tod muß wie ein bedauerlicher Unfall aussehen, damit sie ihr anderes Ziel in Ruhe weiterverfolgen können."
"Ganz genau der Meinung bin ich auch, Commander," erklang plötzlich der dröhnende Baß des General und sein breites, gerötetes Gesicht blickte sie vom Videophon her an, als sie sich beide umdrehten. "Und deshalb versuchen wir gerade eine Lösung zu finden, die beiden Seiten gerecht wird."
"Beiden Seiten? Wie wollen Sie das anstellen, General?"
Crinian grinste. "Keine Sorge, Commander, wir haben keineswegs vor, Sie als Opfer anzubieten. Auch nicht für den Preis diplomatischer Beziehungen. Schließlich haben wir viel Geld in Ihre Ausbildung investiert, meine Herren."
"Vielen Dank," antwortete Perkins trocken.
Der General nickte und wurde wieder ernst. "Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie in Ihrem Bericht erwähnt, daß Arentes Ihnen erzählt hat, daß nicht mehr alle Copaner so tiefreligiös sind." Da der Commander sicher war, daß Crinian seinen damaligen Bericht aufgrund der Situation noch einmal gründlich studiert hatte, nickte er stumm.
"Nun, wir wissen, daß die Einladung vom copanischen Oberkommando kommt, das wurde bestätigt. Weiter gehen wir davon aus, daß dieses Oberkommando weitreichendere Zukunftspläne hat, als die Tötung von zwei fremden Offizieren wegen einer Gotteslästerung. Wie Sie richtig erkannt haben, Perkins, wollen die Copaner die Technik unseres Dimensionsbrechers. Das bedeutet aber, daß sie erst einmal mit uns in Kontakt kommen müssen und zwar für längere Zeit, bevor wir ihnen auch nur den kleinsten Informationsbrocken hinwerfen."
"Sicher," warf Hoffmann ein, "aber wie Randy schon bemerkte, wenn man unseren Tod wie einen bedauerlichen Unfall aussehen läßt, würden die diplomatischen Verhandlungen lediglich verzögert, aber nicht verhindert."
"Richtig. Dieser Gedanke ist mir tatsächlich auch schon gekommen, Major." Der General mochte es nicht, unterbrochen zu werden und sein kühler Tonfall machte dies deutlich.
Perkins warf seinem Freund einen warnenden Blick zu, doch Peter Hoffmann hatte auch so schon verstanden und preßte die Lippen zusammen.
Crinian wandte sich wieder dem Commander zu. "Wir diskutieren die Möglichkeit, daß Sie beide nicht mit der ersten diplomatischen Gruppe starten werden. Stattdessen bekommen unsere Botschafter eine entsprechende Aufzeichnung mit der erbetenen Stellungnahme von Ihnen beiden mit, die auf Copan gezeigt werden kann. Und erst wenn die Verhandlungen gut anlaufen und wir uns überzeugen konnten, daß Ihre Sicherheit gewährleistet ist, werden Sie die Entschuldigung in der copanischen ™ffentlichkeit wiederholen."
Perkins dachte einige Sekunden lang nach, bevor er antwortete. "Nun, General, Sie können sicher sein, daß ich keineswegs erpicht darauf bin, von religiösen Fanatikern gemeuchelt zu werden, doch ich bezweifle, ob die Verhandlungen überhaupt einen guten Start haben können, wenn wir gleich die erste Bitte der Copaner ignorieren."
Der General nickte. "Es kann sein, daß man unsere Diplomaten postwendend zurückschickt, wenn Sie beide nicht mit dabei sind."
"Richtig. Wie also sieht die Option aus?"
Mit einem ernsten Blick schüttelte der General den Kopf. "Keine Option, Commander. Die Copaner sind das mächtigste Volk in der Milchstraße und wenn wir uns gegenüber ihnen und allen anderen Völkern behaupten wollen, müssen wir gleich von Anfang an eine Position der Stärke beziehen. Wir müssen zeigen, daß wir zwar zu Verhandlungen und Kompromissen bereit sind, um Ziele wie Frieden und Freundschaft zu erreichen, doch wir müssen auch unmißverständlich klar machen, daß die Menschheit ein Faktor ist, mit dem man sich arrangieren muß. Wir werden nicht angekrochen kommen wie verarmte, ferne Verwandte, sondern sind nur dann zu Verhandlungen bereit, wenn diese auf einer gleichberechtigten Ebene ablaufen."
Zweifelnd runzelte Perkins die Stirn. "Gleichberechtigt?"
Der Vier-Sterne-General nickte. "Sind Sie anderer Meinung?"
"Nun, nicht unbedingt anderer Meinung, Sir. Ich teile Ihren Standpunkt, alles andere wäre fatal, aber ich sehe nicht, daß wir damit Erfolg haben könnten. Die Copaner sind uns in technischer und kultureller Entwicklung um mehrere tausend Jahre voraus. Hätten wir nicht den Dimensionsbrecher entwickelt, würden sie in uns nicht mehr als unreife Jugendliche sehen. Bildlich gesprochen."
"Dem stimme ich zu, aber Sie haben ebenso genau den Punkt getroffen, um den es geht. Nämlich den Dimensionsbrecher." Der General lehnte sich in seinem Stuhl zurück und drehte einen Schreibstift wie nebenbei zwischen den Fingern. "Sehen Sie, wir, das heißt ich und mein beratender Stab, sind der Meinung, daß weder die Copaner noch irgendein anderes Volk einfach so auf den Dimensionsbrecher verzichten wird. Selbst wenn die Copaner jetzt noch damit drohen, daß sie keine Verhandlungen mit uns aufnehmen, wenn wir ihren Forderungen nicht nachkommen, so ist das nicht mehr, als leeres Gerede. Daß sie jetzt Kontakt mit uns gesucht haben, ist Beweis genug." Plötzlich verstand Perkins. "Natürlich," murmelte er. "Wie kurzsichtig von mir."
Crinian nickte. "Ja, ich glaube, Sie verstehen es, Commander. Und darum verstehen Sie sicher auch, daß ich wieder in die Besprechung zurück muß. Sie bleiben vorerst auf dem Mond, meine Herren. Wenn es neue Entwicklungen gibt, werden Sie das rechtzeitig erfahren."
Als der General abgeschaltet hatte, fuhr Major Hoffmann sich mit den Fingern einer Hand durch die Haare. "Kannst Du mir jetzt vielleicht mal verraten, was Du verstanden hast, Randy? Was meinst Du damit, Du warst kurzsichtig?"
Perkins stand auf, ging zur Tür und winkte seinem Freund. "Komm, Peter, ich erklär es Dir auf dem Weg."
"Wohin gehen wir denn?"
"Zum Professor."
"Aha. Und warum?"
"Weil ich mit ihm reden muß. Auch wenn er es vermutlich sowieso schon ahnt."
"Was ahnt? Verdammt, Randy, drück Dich doch endlich mal klar und deutlich aus."
"Es geht um den Dimensionsbrecher, Peter, um nichts anderes. Du weißt genau, wie sehr die Völker der Milchstraße dem Wissen um diese Technologie hinterher sind."
"Ja. Und?"
"Nun, und sie werden nicht darauf verzichten wollen. Also werden sie sich auch von solchen Kleinigkeiten wie diplomatischen Diskrepanzen nicht abhalten lassen. Dies ist nur der erste Schritt."
"Der erste Schritt?"
"Ja, genau. Wir sind auf dem Weg ins einundzwangzigste Jahrhundert, Peter, in unser galaktisches Erwachen. Die Menschheit ist nicht mehr isoliert, ganz im Gegenteil. Man weiß jetzt, daß es uns gibt und man wird uns nicht vergessen und schon gar nicht ignorieren."
"Weil wir den Dimensionsbrecher haben."
"Richtig. Diese Einladung der Copaner war nichts weiter als ein Eröffnungszug. Man hat uns einen Köder hingeworfen und will sehen, wie die Menschheit darauf reagiert."
"Wieso?"
"Wir werden abgeschätzt, Peter. Das war es, was der General meinte. Wenn wir jetzt darauf reagieren, indem wir ihre Bedingungen auf Punkt und Komma befolgen, wird das als Schwäche ausgelegt werden, als Unterwerfung."
Abrupt blieb Hoffmann stehen und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. "Verdammt, Randy, Du hast recht. Man würde uns dann behandeln, wie wir einen Jugendlichen behandeln, der über die Stränge schlägt, um in Deinem Bild zu bleiben. Uns Sanktionen aufgeben und erwarten, daß wir uns daran halten."
"Richtig, Peter. Selbstverständlich würden sie dann erwarten, daß wir den Dimensionsbrecher und Professor Common herausgeben. Und wenn wir erst einmal in so einer Position wären, würde es mehr als schwer werden, dieses Bild in ihren Köpfen zu revidieren. Deswegen hat Crinian recht. Wir müssen von Anfang an eine Position der Stärke und der Gleichberechtigung beziehen, sonst sind wir auf verlorenem Posten."
Mit Entsetzen in den blauen Augen sah Hoffmann seinen Freund an. "Dann ist diese Zeit jetzt nichts weiter, als die Ruhe vor dem Sturm."
Perkins nickte, legte dem Major die Hand auf die Schulter und zog ihn weiter. "Ja, so kann man es sehen. Unsere Antwort auf ihre Eröffnung wird die Richtung aufzeigen, in der unsere Zukunft liegt. Nur wenn wir lauter brüllen als der Löwe, wird man uns zuhören, anstatt über uns hinweg zu steigen. Wir haben den Dimensionsbrecher und wir haben damit und mit Schläue die Vernichtung Escapes durch das Schwarze Loch abgewendet. Man ist aufmerksam geworden und will jetzt sehen, wer und was wir sind und wie man mit uns umgehen soll."


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Nu legt sie los
CINDY C.
. . . . . . . . . . .
29-04-2004

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KAPITEL 2:

EIN T™DLICHER UNFALL


"So etwas dürfen wir uns nicht gefallen lassen!"
Commander Perkins und Major Hoffmann betraten das Labor des Dimensionsbrechers und hörten die laute und wütende Stimme des Stationsleiters von Delta-4. Nach wenigen weiteren Schritten sahen sie Oberst G. Camiel Jason neben der Transportkuppel stehen, das hagere Gesicht rot vor Zorn. Auf dem Boden direkt vor ihm lag die Leiche von Frank H. Szepanski und die beiden Offiziere blieben betroffen stehen.
Szepanski war einer der Diplomaten gewesen, die vor drei Tagen mit der aufgezeichneten Botschaft zu den Copanern gestartet waren. Seine beiden Kollegen, Robert Mellings und Raymond Scallen, standen mit fassungslosen Gesichtern daneben.
"Es war ein Unfall, Oberst," sagte Mellings leise. "Er ist nicht ermordet worden, er ist..."
"Ach Papperlapapp," fuhr Jason dazwischen. "Das Oberkommando hat doch von Anfang an erwartet, daß so etwas passieren wird. Und natürlich war klar, daß diese copanischen Fanatiker es wie einen Unfall aussehen lassen würden."
"Nein, Oberst Jason, es war wirklich ein Unfall. Frank ist..."
"Ich werde mir Ihren Bericht später anhören, Mister Mellings. Jetzt müssen wir erst einmal sofort reagieren und denen zeigen, daß wir es nicht einfach so hinnehmen, wenn man einen Menschen tötet. Professor, Sie werden den Dimensionsbrecher fertig machen. In einer halben Stunde werde ich einen bewaffneten Trupp..."
"Das werden Sie nicht, Oberst Jason."
Der Stationsleiter fuhr herum und schluckte nervös, als er dadurch General Crinian direkt gegenüber stand. Obwohl der General sanft sprach, dröhnte seine Stimme überdeutlich in der eingetretenen Stille. "Sie werden vorläufig gar nichts unternehmen, Oberst, bis ich die Situation geklärt habe. Dazu gehört, daß wir uns zuerst den Bericht von Mister Mellings anhören und ich rate Ihnen, daß Sie ihn nicht noch einmal dabei unterbrechen."
Mit zusammengekniffenen Lippen trat Jason einen Schritt zur Seite, doch Crinian beachtete ihn gar nicht mehr, sondern wandte sich an seinen Assistenten.
"Lieutenant Briggs, sorgen Sie dafür, daß die Leiche abgeholt und in die medizinische Abteilung gebracht wird. Ich will die genaue Todesursache in einer Stunde wissen."
"Sofort, General." Der junge Lieutenant trat an ein Komgerät und sprach leise mit jemanden. Ohne sich umzudrehen winkte der General leicht mit der Hand. "Commander Perkins, Major Hoffmann kommen Sie beide her. Ich möchte, daß Sie den Bericht aus erster Hand erfahren." Nachdem die beiden Offiziere an seine Seite getreten waren, nickte er auch den Botschaftern zu. "Meine Herren, folgen Sie mir in den Besprechungsraum gegenüber, dort haben wir die nötige Ruhe."

"Also tatsächlich ein Unfall," sagte Crinian eine knappe Stunde später und stützte die Ellenbogen auf den Konferenztisch. Sein Blick umfaßte ernst die Runde, Perkins und Hoffmann zu seiner rechten und die beiden Diplomaten zur linken Seite des Generals.
"Sie sagen, daß Szepanski von ganz alleine von dieser Brücke stürzte? Daß niemand, wirklich niemand, auch nur in seiner Nähe war? Ein ausgewachsener Mann ist also ohne jeden Grund über seine eigenen Füße gestolpert und in den Tod gestürzt?"
"Ja, so war es." Mellings seufzte und wiederholte erneut: "Frank war ein paar Schritte hinter uns zurückgeblieben, weil er sich für die außergewöhnliche Landschaft begeisterte. Pflanzen sind .... waren mehr als ein Hobby von ihm, darum mußte er wohl anhalten und sich die Parklandschaft mit dem Fluß genauer betrachten. Erst nachdem wir ihn mehrfach gerufen hatten, kam er endlich hinterher. Dabei verharrte sein Blick weiterhin auf dem Fluß und er achtete nicht auf seine Füße."
"Über was genau ist er gestolpert?"
"Auch das haben wir Ihnen doch schon mehrfach gesagt, General: Eine der Brückenbohlen stand ein wenig über und Frank muß mit dem Fuß hängen geblieben sein. Wir haben ihn stürzen sehen, Raymond und ich. Es war absolut nichts und niemand in seiner Nähe. Frank ... stolperte einfach. Er geriet aus dem Gleichgewicht und fiel über das Geländer hinunter." Robert Mellings fuhr sich müde mit der Hand über das Gesicht. "Wie oft sollen wir Ihnen das denn noch erzählen, General?"
Crinian brummte unzufrieden, doch schließlich hatte er ein Einsehen und schickte die beiden Diplomaten mit einer Handbewegung fort. "Es ist gut, meine Herren, Sie können gehen. Vielen Dank für Ihre Kooperation."
"Keine Ursache, General. Frank war unser Kollege." Sichtlich erleichtert erhoben sich die beiden Männer. An der Tür drehte Mellings sich noch einmal kurz um. "Glauben Sie mir, General, nach den ganzen Warnungen, die man uns mit auf den Weg gegeben hat, waren wir äußerst aufmerksam. Wir haben immer unsere Umgebung im Auge behalten. Es war wirklich niemand in Franks Nähe." Als das Schott hinter ihm zuglitt, wandte Crinian sich den beiden Offizieren zu, die ihn erwartungsvoll anblickten. "Nun, was halten Sie von der Geschichte?"
"In sich logisch und glaubwürdig," antwortete Commander Perkins langsam. "Sie haben Probleme mit den Erklärungen, General?"
"Wenn ich's wüßte." Schwer ließ er sich in seinem Stuhl nach hinten fallen, der leise unter dem Gewicht ächzte. "Man muß davon ausgehen, daß Diplomaten nun mal keine ausgebildeten Soldaten sind, aber sie wurden sehr eindringlich gewarnt. Wie Mellings eben ja noch einmal bestätigte. Und trotzdem laufen sie so sorglos durch die Gegend, daß sie sich dabei mehr als zwanzig Meter von ihrem Kollegen entfernen?"
"Wie Sie schon sagten, General, es sind Diplomaten," sagte Hoffmann. "Sie waren drei Tage bei den Copanern und nach ihrem Bericht, war die Stimmung keineswegs so feindselig, wie wir erwartet hatten. Mellings und seine Kollegen hatten alle Besprechungen hinter sich und waren auf dem Weg zum Materialisationspunkt. Aus welchem Grunde hätten sie da noch mit einem Angriff rechnen sollen? Und nach ihrer Aussage hat ja auch gar kein Angriff stattgefunden. Nur ein Unfall."
"Hmmm." Crinian brummte und knetete nachdenklich sein kantiges Kinn. "Ich weiß, Major. Trotzdem läßt mich das ungute Gefühl bei dieser Angelegenheit einfach nicht los."
"Dann sollten wir versuchen, Ihrem Gefühl Substanz zu verleihen," schlug Perkins vor. "Wir untersuchen die Sache Schritt für Schritt. Fangen wir mit dem Zeitpunkt an."
"Er wäre optimal für einen Anschlag gewesen." bestätigte der General. "Zu Beginn der Verhandlungen waren die Sicherheitsvorkehrungen viel zu hoch und auch die Nervosität auf beiden Seiten."
"Richtig." Perkins nickte. "Dann, wenn keiner mehr mit einem Attentat rechnet, wenn die Gäste sich in Sicherheit wiegen, wie zum Beispiel auf dem Heimweg..."
"Und so war es ja auch," warf Peter Hoffmann ein. "Aber das ist doch bereits klar, das wissen wir alles schon. Worauf wollen wir denn hinaus, Randy?"
"Ich weiß noch nicht, laß uns einfach weiter überlegen. Also, der Zeitpunkt war perfekt. Ebenso die Umstände, denn es waren keine copanischen Sicherheitsleute mehr in der Nähe."
"Nein, aber Du vergißt, daß Mellings und Scallen sich sicher sind, daß auch sonst niemand in ihre Nähe war. Also auch kein Attentäter."
Fast ein wenig ungeduldig winkte Perkins ab. "Davon können wir nicht ausgehen, Peter. Die Copaner sind uns in technischer Hinsicht um mehrere Jahrtausende voraus. Ich bin sicher, sie haben mehr als genug Möglichkeiten, sich vor uns zu verbergen, wenn sie nicht entdeckt werden wollen."
"Der Meinung bin ich auch." Crinian blickte ihn an und erkannte in den Augen des Commanders, daß er seinen Argwohn teilte. "Was als nächstes?"
"Das Motiv, Sir. Die Copaner sind ein mächtiges und weit entwickeltes Volk, doch sie haben auch hohe moralische Werte. Das wissen wir nicht nur von ihrem Hohepriester Arentes. Es hat sich ebenfalls in allen Beobachtungen gezeigt, die in den letzten Berichten dokumentiert worden sind. Mord ist bei den Copanern ein schwerwiegendes Verbrechen, genau wie bei uns."
"Gut, gehen wir davon aus." Der General musterte Perkins aufmerksam. "Und weiter?"
"Nun, die ganze Angelegenheit bekommt dadurch noch einen anderen Aspekt. Bisher sind wir davon ausgegangen, daß die Copaner vor allem wegen des Dimensionsbrechers den diplomatischen Kontakt zu uns herstellen wollen. Wir mussten annehmen, dass sie gleichzeitig einen Racheakt an denjenigen beabsichtigen, die damals ihre heilige Welt Palenka und ihren heiligsten Tempel entweiht haben."
"Ja, richtig. Ich sehe da jedoch keinen neuen Aspekt."
"Nun, ich schon, Peter. Würden wir Menschen ein Attentat gegen einen Außerirdischen planen, weil einige seines Volkes etwas getan haben, das uns beleidigt oder empört? Nein."
"Aber die Copaner haben aus genau diesem Grunde sogar versucht, die ganze Menschheit in den Tod zu reißen" erinnerte Crinian ihn.
"Das habe ich keineswegs vergessen, Sir. Doch die Zeiten, in denen die copanische Regierung nach blinder Vergeltung an der Menschheit trachtet, scheinen vorbei zu sein.
Sie haben sich entschlossen, einen Weg der Verständigung mit uns zu suchen und ihre Initiative, diesen Kurs zu verwirklichen, erscheinen durchaus glaubhaft. Welches Motiv sollte die Copaner wohl veranlassen, im Zuge dieser Bemühungen einen unserer Diplomaten vorsätzlich zu ermorden? Vor allem, wenn bekannt ist, daß diese Person nicht das Geringste mit der damaligen Entweihung zu tun hatte."
Ernst sah Perkins seinen Vorgesetzten an. "Ich bin überzeugt, General, daß es noch eine dritte Partei geben muss, wenn tatsächlich ein Anschlag auf unseren Mann verübt worden ist. Und damit kommen wir zu dem Punkt, den ich meine."
"Drück dich endlich mal klar aus, Randy."
"Wir haben es nicht mit einem mordlüsternen Volk zu tun, sondern womöglich mit einer aggressiven Randgruppe. Einige wenige, die uns trotz aller positiven Signale nach dem Leben trachten. Wir müssen damit rechnen, dass nicht alle Copaner mit den friedlichen Zielen ihrer Regierung einverstanden sind."
"Terroristen." Hoffmann wurde bleich.
"Ja, Peter. Sicherlich ist es zur Zeit nicht mehr, als eine Ahnung. Aber was, wenn es Gruppierungen unter den Copaner gäbe, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die diplomatischen Verhandlungen unserer Welten zum Scheitern zu bewegen."
"Das ist ziemlich starker Tobak, den Sie da auf den Tisch bringen, Commander. Wenn Sie Recht hätten, würden wir nicht nur vor der äußerst schwierigen Situation stehen, uns einem technisch weit überlegenen Volk als gleichberechtigt gegenüberzustellen. Wir müßten auch gegen eine agressive Untergrundbewegung ankämpfen, über die wir so gut wie nichts wissen. Weder haben wir einen Schimmer davon, wie diese Außerirdischen operieren, noch welche technischen Möglichkeiten ihnen dabei offen stehen."
Commander Perkins nickte und erwiderte ruhig den harten Blick des General.
"Sind Sie sich der Tragweite Ihrer These bewußt, Commander?"
"Ja, Sir," antwortete Perkins. "Ich denke schon."
Crinian dachte eine volle Minute lang stumm nach. Perkins und Hoffmann störten ihn nicht und warteten ruhig auf die Entscheidung, die nur der General treffen konnte. Schließlich stand er auf und seufzte schwer.
"So wenig es mir auch behagt, aber ich muß Ihren Schlußfolgerungen zustimmen, Commander Perkins. Unsere vordringlichste Aufgabe wird darin bestehen, die diplomatischen Beziehungen mit der copanischen Regierung voranzutreiben und so viel wie möglich über interne Unruhen herauszufinden. Allerdings müssen wir diskret vorgehen, denn unsere Mutmaßungen dürfen keinesfalls das begonnene Vertrauensverhältnis mit der copanischen Regierung beeinträchtigen. Sollte sich unser Verdacht jedoch erhärten, benötigen wir umfassende Informationen über die üblichen Vorgehensweisen militanter Randgruppen. Wir haben keine Zeit zu verlieren, denn ohne Anhaltspunkte können wir keine gezielten Schutzvorkehrungen gegen weitere Aktionen treffen."
"Ein entspannender, kleiner Spaziergang also," brummte Hoffmann ironisch.
"Nun," Crinian richtete den Blick direkt auf Peter Hoffmann, "ich hoffe, daß Ihnen nach frischer Luft ist, Major?"
"Mir?"
"Sie und Commander Perkins haben bereits Erfahrungen mit dem copanischen Volk. Deshalb werden Sie beide eines von mehreren Teams bilden, die uns die nötigen Informationen beschaffen werden."
"Spionage, Sir? Finden Sie nicht, wir sollten zuerst auf dem rein diplomatischen Weg verweilen?" warf Perkins ruhig ein. "Laut den Berichten waren die Anfänge einer Verständigung sehr vielversprechend und es ist doch durchaus möglich, daß das copanische Oberkommando bereit ist, unseren Verdacht zu verfolgen und Szepanskis Tod zu untersuchen. Die Regierung wird ihre Terroristen am besten kennen."
"Nein." Hart schüttelte der General den Kopf. "Sicherlich müssen wir die Zusammenarbeit mit der copanischen Regierung suchen. Aber können Sie sicher sein, daß nicht ein oder mehrere Informanten oder Sympathisanten in der Regierung arbeiten? Dann würden die Terroristen aus erster Hand Einblick in unsere Sicherheitssysteme erlangen und wären uns stets einen Schritt voraus. So lange wir nicht wissen, wer unsere Freunde oder Feinde unter den Copanern sind, bleiben wir auf uns allein gestellt."
Crinian erhob sich. Kurz vor dem Schott hielt er noch einmal inne. "Ich werde alles nötige veranlassen, Sie hören rechtzeitig von mir. Bereiten Sie sich vor, meine Herren. Nehmen Sie ein Einsatztraining auf und bringen Sie Ihr Wissen auf den neuesten Stand. Sie werden sich auf Abruf bereit halten." Er nickte noch kurz und trat auf den Gang hinaus.
Auch Perkins erhob sich. "Komm, Peter, wir haben viel zu tun."
Hoffmann folgte dem Commander und ächzte leise. "Es heißt also mal wieder, wir gegen den Rest des Universums."
"Nicht des Universums, Peter, nur der Milchstraße."
"Soll mich das jetzt etwa beruhigen?"



FORTSETZUNG FOLGT ...

Nächster Schritt
CINDY C.
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24-06-2004

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